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REPORTAGE
Von Gregor Schiegl
Richtige Städte haben Abfall auf den Straßen und Kriminelle in den Gassen. Richtige Städte haben Bettler an den Straßenecken und Junkies, die sich am Bahnhof die Nadeln in die Venen jagen. Richtige Städte haben vollgekotzte Gehwege. „München hat nichts davon“, sagt James. „Hier ist alles klein, sauber, nett.“ Wie in einer Spielzeugstadt.
Vor sechs Jahren ist er aus der Nähe von Manchester hierher gezogen, um in der damals florierenden IT-Branche der Stadt zu arbeiten. Für den Nachrichtenaustausch mit seinen englischen Freunden richtete er 2002 eine Internet-Plattform ein. Der Name: toytowngermany.com. Heute bevölkern 4000 Leser diese virtuelle Parallelwelt, ein Drittel der englischen Muttersprachler Münchens tauscht sich hier regelmäßig aus. Inzwischen ist toytowngermany.com die größte English-sprachige Internet-Community in Deutschland und die zweitgrößte aller Communities Münchens. Nur die Partnerbörse muenchner-singles.de ist größer.
Der Blick aus Toytown auf München ist nah und distanziert zugleich: Für Anglomünchner ist die Stadt eine Art weißblaues Disneyland mit bizarren Bräuchen, einer komischen Sprache und einem putzigen Erscheinungsbild. „München ist klein und groß zugleich“, stellt der Brite Keith Ball fest. Groß, weil sie viele Einwohner hat und klein, weil es viele Stadtteil-Zentren gibt, die ein gemütliches Kleinstadtgefühl verbreiten.
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19 Uhr. Dienstagabend im „Paulaner Bräuhaus“. Drei Dutzend Mitglieder aus der virtuellen Toytown treffen sich zum wöchentlichen Stammtisch, der schnörkellos als Tuesday Drinking angekündigt ist. Alle trinken hier Bier, alle, ausnahmslos. Phil aus Cardiff ist erst letzte Woche zur Brauerei Andechs gepilgert. Ungläubiges Staunen hat die Nachricht eines Mitglieds im Toytown-Forum ausgelöst, es sei möglich in München das Biertrinken aufzugeben. Denn vor dem bayerischen Bier neigt sogar die britische Nation ihr stolzes Haupt. „Ale ist ganz in Ordnung“, sagt Phil, aber für das englische Lager hat er nur ein verächtliches Wort übrig: „Rubbish.“ Das deutsche Wort „Reinheitsgebot“ geht dem Andechs-Jünger flüssig über die Lippen. Vom Biertrinken in München können die Briten einiges erzählen, von außer Kontrolle geratenen Gelagen, die sich im Dunst der Promille verlieren. Schuld daran ist nicht nur das schmackhafte Münchner Bier. „Bei uns beginnt die Trinkzeit um fünf Uhr und endet um zehn“, begründet Phil. „Und hier fangen sie um zehn, manchmal erst um zwölf Uhr in der Nacht an, aber dann gibt es kein zeitliches Limit mehr.“
Das Essen von der Insel vermisst dagegen kaum einer. Nur Keith Ball bedauert, dass man in München keinen anständigen Cheddar Cheese kaufen könne. „Den muss ich immer von zuhause mitnehmen.“ Pfundweise, auf Vorrat. Katrina importiert dagegen nicht, sie exportiert: Wenn sie ihre Familie in Schottland besucht, kocht sie, und zwar Semmelknödel. Danach sind sie verrückt, daheim in Schottland.
An ihrer neuen Heimat hat sie nichts auszusetzen. „Außer vielleicht das mit dem Einkaufen.“ So wie sie finden es die meisten, die aus der großen weiten Welt zugereist sind, schier unglaublich, dass in einer Stadt dieser Größe sonntags die Läden geschlossen bleiben. Das Wort „Servicewüste“ ist in den Reihen der englischsprachigen Münchner ähnlich bekannt wie „Reinheitsgebot“. Aber von den Schattenseiten Münchens spricht Katrina kaum. Im Forum von toytowngermany.com hat sie es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht mit Threads wie „Was für Erlebnisse habt ihr mit netten Deutschen gemacht?“ Sie fühlt sich ein bisschen als freundliches Korrektiv zu jenen, die sich über grantige Münchner, zugeknöpfte Nachbarn oder unhöfliche Leute in der U-Bahn beschweren.
Andere passen sich dagegen an das raue Wesen der Münchner an und empfehlen sich gegenseitig bayerische Verbalinjurien, die bei den Eingeborenen Eindruck machen sollen: „Britschn“, „Depp“ oder „Breznsalzer“. Oder sie formulieren gleich die Kriegserklärung: „A Fünfer-Packerl Watschn is glei aufgrissen.“ Aber was heißt da Kriegserklärung. München ist friedlich, richtig verschlafen. Da vermisst James sogar ein bisschen die Gefahr, der sich Leute aussetzen, die spätabends in einer „richtigen Stadt“ unterwegs sind. „Manchmal finde ich es richtig langweilig.“
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Ungefährlich ist München deswegen nicht. Fast überall in München ist Rauchen erlaubt. „Hat sich noch nicht herumgesprochen, dass die anderen Leute das einatmen müssen?“ fragt Genevieve Cory, die alle einfachheitshalber Gen nennen. Gen kommt aus Kalifornien, wo Rauchen verpönt ist.
Wie viel Kontakt die Toytownler mit den Deutsch-Münchnern haben, ist sehr unterschiedlich. Die Schottin Katrina ist ein Beispiel für eine mustergültige Münchnerisierung. Katrinas Akzent ist nicht mehr britisch, sondern süddeutsch. Gegenbeispiel ist Keith Ball. Wie ein Tourist fühle er sich zwar nicht, aber auch nicht als Einheimischer. Er lebt seit sechs Jahren in München. Außer zu seinen Arbeitskollegen hat er zu keinem Deutschen Kontakt. „Ich lebe in einer Blase“, sagt er. Und das ist nicht schwierig: Die Zahl der Briten, Amerikaner, Kanadier, Iren, Australier, Neuseeländer und Australier, die in München leben, beträgt stolze 12 200. Genug um eine Kleinstadt zu bevölkern, genug, um immer Gesellschaft zu haben.
Einer, der erst vor neun Tagen nach München gezogen ist, ist Evan Kantor. Über toytowngermany.com hat er sich vorab über die Stadt kundig gemacht, er ist gleich zum ersten Tuesday Drinking gekommen, um ein paar Leute kennen zu lernen. „Schon für einen Deutschen, der nach München kommt, ist es schwer, Freunde zu finden“, glaubt James. „Für jemanden, der kaum Deutsch spricht, ist das am Anfang so gut wie unmöglich.“ toytowngermany.com ist erste Anlaufstelle und Kontaktbörse für die Anglomünchner. Sie ist aber auch ein Ort, wo die Nachrichten zusammenlaufen. Bei den Anschlägen auf die Londoner am U-Bahn am 7. Juli posteten die Mitglieder die neuesten Nachrichten von BBC, Skynews und Augenzeugenberichten, lange bevor die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen über den Ticker liefen. Die Toytown ist aber auch Selbsthilfegruppe: Um mal diskret nachzufragen, wie man bei einer Beerdigung auf Deutsch kondoliert. Wie die Spätzlemaschine funktioniert, die man gekauft hat. Warum „Mr. Clean“ in Deutschland „Mr Proper“ und „Dawn“ „Fairy“ heißt. Oder warum deutscher Kaffee zehnmal stärker ist als der amerikanische.
Und natürlich ist es auch die deutsche Sprache mit ihren Endloswörtern. 139 Buchstaben:
Oberdampfschifffahrtskapitänsgesellschaftskajütenschlüsselschrankscharniersch
litzschraubenkopfschraubendrehergriffkunststoffzusammensetzung.
Aber es gibt auch eine Wertschätzung für den Wohlklang des Deutschen, vor allem für Wörter, die ein Deutscher hier nie in Betracht zöge. Gen mag das Wort „beziehungsweise“, James bevorzugt „gewöhnungsbedürftig“. Weitere Favoriten: womit – wahrscheinlich, weil es sich wie vomit, das englische Wort für kotzen, anhört – , Bebauung, Gummistiefel, zefix, Schmarrn, plüschig, Schnickschnack und Baujahr. Letzteres, weil es „wie ein Samuraischrei klingt“.
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Manchen erspart die Globalisierung den Kulturschock. Raj Kumar ist über Siemens nach München gekommen, und zumindest im Betrieb hat er sich bestens zurechtgefunden. „Siemens ist überall auf der Welt gleich“, sagt er lächelnd. Parallelwelten gibt es heute überall. Was Welt und was Parallelwelt ist, ist längst nur mehr eine Frage des Blickwinkels.
Inzwischen gibt es in der Toytown auch deutsche Einwanderer, so genannte internationalisierte Deutsche. Zu ihnen gehört Irina. Sie ist eine der ersten, wenn nicht die erste Deutsche überhaupt, die die Toytown-Bürgerschaft erhalten hat. Als Geschäftsassistentin musste sie in Dublin zahlreiche Termine organisieren, Geschäftsessen, Limousinen zum Flughafen, und das innerhalb kürzester Zeit. Regelmäßig sandte sie Hilferufe an die Toytown-Gemeinde. Von dort erhielt sie wertvolle Tipps, wo was zu finden war oder wer ihr weiterhelfen konnte. „Ohne Toytown wäre ich damals aufgeschmissen gewesen“, sagt sie.
Die meisten Toytownler sind welterfahren. Sie kennen viele Gegebenheiten in Großbritannien, Irland und den USA. Und weil viele aus beruflichen Gründen in München leben, kennen sie auch die Geschäftswelt. Mit dem München der Münchner hat Irina kaum mehr etwas zu tun. Im Beruf spricht sie fast nur Englisch. „Auch mein ganzer Freundeskreis spricht Englisch.“
Als ihr die Kellnerin die Speisekarte gibt, blickt die Münchner Irin irritiert hinein. Neben ihr sitzt Katrina, die schottische Münchnerin, und blickt nicht minder überrascht. Sie hat die englische Karte bekommen, Irina die deutsche. Ein Missverständis. Da sind sie sich einig. Sie tauschen die Karten. So wie sie die Kulturen getauscht haben.