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Article about TT in the Süddeutsche Zeitung

Publication date: Tue 26.Jul.2005

Toytown Germany > Discussion forum > South Germany > Munich > Life in Munich
Editor Bob
The following article is appearing in the Süddeutsche Zeitung print edition on Tuesday 26.Jul.2005.

Page 43 of the "Stadtausgabe" (city edition).

See the full scan of the article: Die Spielzeugstadt als Lebenshilfe (336Kb download)

Editor Bob
QUOTE
1

REPORTAGE
Von Gregor Schiegl

Richtige Städte haben Abfall auf den Straßen und Kriminelle in den Gassen. Richtige Städte haben Bettler an den Straßenecken und Junkies, die sich am Bahnhof die Nadeln in die Venen jagen. Richtige Städte haben vollgekotzte Gehwege. „München hat nichts davon“, sagt James. „Hier ist alles klein, sauber, nett.“ Wie in einer Spielzeugstadt.

Vor sechs Jahren ist er aus der Nähe von Manchester hierher gezogen, um in der damals florierenden IT-Branche der Stadt zu arbeiten. Für den Nachrichtenaustausch mit seinen englischen Freunden richtete er 2002 eine Internet-Plattform ein. Der Name: toytowngermany.com. Heute bevölkern 4000 Leser diese virtuelle Parallelwelt, ein Drittel der englischen Muttersprachler Münchens tauscht sich hier regelmäßig aus. Inzwischen ist toytowngermany.com die größte English-sprachige Internet-Community in Deutschland und die zweitgrößte aller Communities Münchens. Nur die Partnerbörse muenchner-singles.de ist größer.

Der Blick aus Toytown auf München ist nah und distanziert zugleich: Für Anglomünchner ist die Stadt eine Art weißblaues Disneyland mit bizarren Bräuchen, einer komischen Sprache und einem putzigen Erscheinungsbild. „München ist klein und groß zugleich“, stellt der Brite Keith Ball fest. Groß, weil sie viele Einwohner hat und klein, weil es viele Stadtteil-Zentren gibt, die ein gemütliches Kleinstadtgefühl verbreiten.

Zwiti1 (title line)

19 Uhr. Dienstagabend im „Paulaner Bräuhaus“. Drei Dutzend Mitglieder aus der virtuellen Toytown treffen sich zum wöchentlichen Stammtisch, der schnörkellos als Tuesday Drinking angekündigt ist. Alle trinken hier Bier, alle, ausnahmslos. Phil aus Cardiff ist erst letzte Woche zur Brauerei Andechs gepilgert. Ungläubiges Staunen hat die Nachricht eines Mitglieds im Toytown-Forum ausgelöst, es sei möglich in München das Biertrinken aufzugeben. Denn vor dem bayerischen Bier neigt sogar die britische Nation ihr stolzes Haupt. „Ale ist ganz in Ordnung“, sagt Phil, aber für das englische Lager hat er nur ein verächtliches Wort übrig: „Rubbish.“ Das deutsche Wort „Reinheitsgebot“ geht dem Andechs-Jünger flüssig über die Lippen. Vom Biertrinken in München können die Briten einiges erzählen, von außer Kontrolle geratenen Gelagen, die sich im Dunst der Promille verlieren. Schuld daran ist nicht nur das schmackhafte Münchner Bier. „Bei uns beginnt die Trinkzeit um fünf Uhr und endet um zehn“, begründet Phil. „Und hier fangen sie um zehn, manchmal erst um zwölf Uhr in der Nacht an, aber dann gibt es kein zeitliches Limit mehr.“

Das Essen von der Insel vermisst dagegen kaum einer. Nur Keith Ball bedauert, dass man in München keinen anständigen Cheddar Cheese kaufen könne. „Den muss ich immer von zuhause mitnehmen.“ Pfundweise, auf Vorrat. Katrina importiert dagegen nicht, sie exportiert: Wenn sie ihre Familie in Schottland besucht, kocht sie, und zwar Semmelknödel. Danach sind sie verrückt, daheim in Schottland.

An ihrer neuen Heimat hat sie nichts auszusetzen. „Außer vielleicht das mit dem Einkaufen.“ So wie sie finden es die meisten, die aus der großen weiten Welt zugereist sind, schier unglaublich, dass in einer Stadt dieser Größe sonntags die Läden geschlossen bleiben. Das Wort „Servicewüste“ ist in den Reihen der englischsprachigen Münchner ähnlich bekannt wie „Reinheitsgebot“. Aber von den Schattenseiten Münchens spricht Katrina kaum. Im Forum von toytowngermany.com hat sie es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht mit Threads wie „Was für Erlebnisse habt ihr mit netten Deutschen gemacht?“ Sie fühlt sich ein bisschen als freundliches Korrektiv zu jenen, die sich über grantige Münchner, zugeknöpfte Nachbarn oder unhöfliche Leute in der U-Bahn beschweren.

Andere passen sich dagegen an das raue Wesen der Münchner an und empfehlen sich gegenseitig bayerische Verbalinjurien, die bei den Eingeborenen Eindruck machen sollen: „Britschn“, „Depp“ oder „Breznsalzer“. Oder sie formulieren gleich die Kriegserklärung: „A Fünfer-Packerl Watschn is glei aufgrissen.“ Aber was heißt da Kriegserklärung. München ist friedlich, richtig verschlafen. Da vermisst James sogar ein bisschen die Gefahr, der sich Leute aussetzen, die spätabends in einer „richtigen Stadt“ unterwegs sind. „Manchmal finde ich es richtig langweilig.“

Zwiti 2

Ungefährlich ist München deswegen nicht. Fast überall in München ist Rauchen erlaubt. „Hat sich noch nicht herumgesprochen, dass die anderen Leute das einatmen müssen?“ fragt Genevieve Cory, die alle einfachheitshalber Gen nennen. Gen kommt aus Kalifornien, wo Rauchen verpönt ist.

Wie viel Kontakt die Toytownler mit den Deutsch-Münchnern haben, ist sehr unterschiedlich. Die Schottin Katrina ist ein Beispiel für eine mustergültige Münchnerisierung. Katrinas Akzent ist nicht mehr britisch, sondern süddeutsch. Gegenbeispiel ist Keith Ball. Wie ein Tourist fühle er sich zwar nicht, aber auch nicht als Einheimischer. Er lebt seit sechs Jahren in München. Außer zu seinen Arbeitskollegen hat er zu keinem Deutschen Kontakt. „Ich lebe in einer Blase“, sagt er. Und das ist nicht schwierig: Die Zahl der Briten, Amerikaner, Kanadier, Iren, Australier, Neuseeländer und Australier, die in München leben, beträgt stolze 12 200. Genug um eine Kleinstadt zu bevölkern, genug, um immer Gesellschaft zu haben.
Einer, der erst vor neun Tagen nach München gezogen ist, ist Evan Kantor. Über toytowngermany.com hat er sich vorab über die Stadt kundig gemacht, er ist gleich zum ersten Tuesday Drinking gekommen, um ein paar Leute kennen zu lernen. „Schon für einen Deutschen, der nach München kommt, ist es schwer, Freunde zu finden“, glaubt James. „Für jemanden, der kaum Deutsch spricht, ist das am Anfang so gut wie unmöglich.“ toytowngermany.com ist erste Anlaufstelle und Kontaktbörse für die Anglomünchner. Sie ist aber auch ein Ort, wo die Nachrichten zusammenlaufen. Bei den Anschlägen auf die Londoner am U-Bahn am 7. Juli posteten die Mitglieder die neuesten Nachrichten von BBC, Skynews und Augenzeugenberichten, lange bevor die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen über den Ticker liefen. Die Toytown ist aber auch Selbsthilfegruppe: Um mal diskret nachzufragen, wie man bei einer Beerdigung auf Deutsch kondoliert. Wie die Spätzlemaschine funktioniert, die man gekauft hat. Warum „Mr. Clean“ in Deutschland „Mr Proper“ und „Dawn“ „Fairy“ heißt. Oder warum deutscher Kaffee zehnmal stärker ist als der amerikanische.

Und natürlich ist es auch die deutsche Sprache mit ihren Endloswörtern. 139 Buchstaben:

Oberdampfschifffahrtskapitänsgesellschaftskajütenschlüsselschrankscharniersch
litzschraubenkopfschraubendrehergriffkunststoffzusammensetzung.

Aber es gibt auch eine Wertschätzung für den Wohlklang des Deutschen, vor allem für Wörter, die ein Deutscher hier nie in Betracht zöge. Gen mag das Wort „beziehungsweise“, James bevorzugt „gewöhnungsbedürftig“. Weitere Favoriten: womit – wahrscheinlich, weil es sich wie vomit, das englische Wort für kotzen, anhört – , Bebauung, Gummistiefel, zefix, Schmarrn, plüschig, Schnickschnack und Baujahr. Letzteres, weil es „wie ein Samuraischrei klingt“.

Zwiti 3

Manchen erspart die Globalisierung den Kulturschock. Raj Kumar ist über Siemens nach München gekommen, und zumindest im Betrieb hat er sich bestens zurechtgefunden. „Siemens ist überall auf der Welt gleich“, sagt er lächelnd. Parallelwelten gibt es heute überall. Was Welt und was Parallelwelt ist, ist längst nur mehr eine Frage des Blickwinkels.

Inzwischen gibt es in der Toytown auch deutsche Einwanderer, so genannte internationalisierte Deutsche. Zu ihnen gehört Irina. Sie ist eine der ersten, wenn nicht die erste Deutsche überhaupt, die die Toytown-Bürgerschaft erhalten hat. Als Geschäftsassistentin musste sie in Dublin zahlreiche Termine organisieren, Geschäftsessen, Limousinen zum Flughafen, und das innerhalb kürzester Zeit. Regelmäßig sandte sie Hilferufe an die Toytown-Gemeinde. Von dort erhielt sie wertvolle Tipps, wo was zu finden war oder wer ihr weiterhelfen konnte. „Ohne Toytown wäre ich damals aufgeschmissen gewesen“, sagt sie.

Die meisten Toytownler sind welterfahren. Sie kennen viele Gegebenheiten in Großbritannien, Irland und den USA. Und weil viele aus beruflichen Gründen in München leben, kennen sie auch die Geschäftswelt. Mit dem München der Münchner hat Irina kaum mehr etwas zu tun. Im Beruf spricht sie fast nur Englisch. „Auch mein ganzer Freundeskreis spricht Englisch.“

Als ihr die Kellnerin die Speisekarte gibt, blickt die Münchner Irin irritiert hinein. Neben ihr sitzt Katrina, die schottische Münchnerin, und blickt nicht minder überrascht. Sie hat die englische Karte bekommen, Irina die deutsche. Ein Missverständis. Da sind sie sich einig. Sie tauschen die Karten. So wie sie die Kulturen getauscht haben.
Editor Bob
QUOTE
Info-Kasten: Online-Community

Eine Online-Community ist eine Art Dorfgemeinschaft im weltweiten Netz. Als Treffpunkt dient eine Internetplattform, die Werkzeuge zur Kommunikation wie Foren, Chat-Systeme, Newsboard oder Tauschbörsen anbietet. Verbunden sind die Mitglieder durch gemeinsame Interessen. So haben die Mitglieder der Communities auch sehr unterschiedliche Profile. toytowngermany.com bietet beispielsweise englischen Muttersprachlern, die in München leben, eine gemeinsame Plattform. Hier können sie sich über englischsprachige Veranstaltungstermine austauschen oder der Frage auf den Grund gehen, warum sich viele deutsche Frauen die Achselhaare nicht rasieren. Die virtuellen Gemeinschaften leben wie echte Dörfer davon, dass sich ihre Mitglieder mit ihren Ideen einbringen. Als „Ur-Community“ gilt der netzbasierte Debattierclub „The Well“, der 1985 gegründet wurde.
Katrina
FAME AT LAST!!!
gideon
"Das Essen von der Insel vermisst dagegen kaum einer"

he's read the forum then? blink.gif thats playing to his audience. all in all a good article.
Gen
Tja, he must have missed all the requests for bacon and baked beans...
Katrina
QUOTE
Baujahr. Letzteres, weil es „wie ein Samuraischrei klingt“.

My mate Marco will be so proud, coz that's from him (and written by me on TTM)
bless
Jeeves
My favourite reverse translation:
QUOTE
"Ich lebe in einer Blase"

I live in a bladder? blink.gif
Sin
PHEW! I escaped wink.gif
xargon
Damn it! They should print the last one! I am on it!
Jeeves
Xargy I didn't know you wrote such good German wink.gif

I like the final story with the menus. But is it actually true?
arshoo
yeah i got a mention my 2 sec of fame tongue.gif
Katrina
QUOTE (Jeeves @ Jul 25 2005, 1:52 pm)
I like the final story with the menus. But is it actually true?
*

That bit is in actual fact true - we really did swap menus.

A certain gent said that he should have also mentioned that I hang around with skinheads and that this proves my ingretation with the locals! huh.gif
Elfenstar
QUOTE (Jeeves @ Jul 25 2005, 1:28 pm)
My favourite reverse translation:
I live in a bladder?
*

heh heh, you know it means bubble!

thought article was good, bob came off well and i loved gen's quote. you picked the right people to have their say edibob! i wished they dove into a bit more on how we want to be more integrated, but how miserably difficult it is, that sadly we have to resort to TT to not be completely and utterly depressed. i'll turn a cheek to how brit-based it was, but alas, we americans cannot always be the center of the universe. smile.gif

why am i not surprised katrina and bubbly got their 15 sec. of fame. you represented us well! wink.gif
kathie
And Gummistiefel is my favorite word!!! How exciting it all is...
bubblylady
QUOTE
Neben ihr sitzt Katrina, die schottische Münchnerin, und blickt nicht minder überrascht. Sie hat die englische Karte bekommen, Irina die deutsche.

It was the other way round!!! biggrin.gif Katrina got the german menu and I got the english menu smile.gif
Jeeves
That was what I suspected. Shame, coz it takes away from the ah-isn't-that-nice-edness and general-mixed-upness of the story.
CodeRed
lol.
give the man some credit for a romantic ending. wink.gif
Inflatablewoman
You can see my arm in the photo!!!

Nice to see my comment about living in a bubble got mentioned. smile.gif
jml
QUOTE
Die meisten Toytownler sind welterfahren.

Toytownler? Is that L correct and if so can someone explain to me why?

/This place is turning me into a pendant
Gen
I think you mean "pedant". (no dry smiley available)

Yes the L is correct. Looking for a link now.

Edit: oops, forgot I have work to do. Maybe someone else will come up with a link or failing that, other examples. It's a bit of Verniedlichung -- making something cute out of it.

More examples: Sportler, Gewerkschaftler. Geheimdienstler. Seems to be more about pronunciation, as we've only come up with examples that end in T. Doesn't work with city names though -- Frankfurter is someone from Frankfurt.
32D
Does anyone have an "EN" version of the article... It hurts to be german illiterate NOW! sad.gif
boomtown_rat
quite a lot to translate
MonksTown
Top article!

But I like the shops being closed on Sunday! tongue.gif
boomtown_rat
QUOTE (MonksTown @ Jul 26 2005, 1:25 pm)
But I like the shops being closed on Sunday! 
*

yeah I wasn't too pleased about being tarred with that brush either. Bit Brit-centric but a good article
gideon
is there an increase in traffic due to the article EB?
MonksTown
Has there been a lot more traffic today since the article?
Are the mods going to keep the policy that this is "not a place for people to learn English"?
gideon
cant wait for the "guten tag ich bin neu hier und suche ein swinger paar" thread... wink.gif
32D
Anxious and curious to know about the content. Too big to type and get a translation...Of course Online translation sucks...

@EB, Could you pls help!
TexasTornado
No shit! There is a rule that all posts must be in English.

ahem, Congratulations Editor Bob!
Inflatablewoman
QUOTE (gideon @ Jul 26 2005, 1:35 pm)
is there an increase in traffic due to the article EB?
*

Not fully updated as yet... but keep watching...

http://www.toytowngermany.com/xtra/stats/report/
Gen
Just realized Schiegl wrote about the favorite words in terms of how they sound -- their Wohlklang. "Beziehungsweise" is not my favorite German word for how it sounds, but for what it means. Shoulda made that clear. I wonder if that's what everyone else thought he meant?
Johnny_who?
interesting article overall

I don't like the part with this endless word with 130+ letters, of course you can make up words like that but nobody would ever use such a word unless it's some kind of competition to come up with the longest possible word or sth along that line.
UrbanAngel
I only just managed to find the time to read the article now, and I guess it's ok, but am not overly impressed. He didn't seem to be able to present the core of TT too well.. which is understandable if he's only been reading this site for a couple of weeks. I felt he focussed way too much on the Misc and Random Chat threads, and less so on News/Life in Munich. I agree also with what someone earlier said about the integration factor ; he makes us sound like we're all whiny and attacking Munich all the time, apart from Katrina, which isn't true. There are many constructive threads on here, and he only focussed on a couple of those, whereas he spoke for paragraphs on beer and what not.
Ah well, at least it's good publicity for TT, even if (a.) the audience is mostly Germans, so this forum is of little use to them, and (b.) we have the policy of TT not being a place to practise your English.
MonksTown
You'd be surprised who reads the SZ. Their Munich section is my favourtite bit of print media and I'd rather read it that the Grauniad or anything from "home".

What someone just said above too, a lot of us are a lot more "integrated" than the impression given by the article.
zimmer
QUOTE (Inflatablewoman @ Jul 26 2005, 5:52 pm)

very impressed with the report. super detailed. felt like being spied at the same time! ph34r.gif
cowgirl
I'm very shy, I hope we don't draw too much attention with our new found fame. unsure.gif
parnell
Crap... that article sux ... wasnt mentioned even once
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